Der Nikolaustag ist das Ergebnis einer langen kulturellen Verwandlung. Hinter den gefüllten Stiefeln, Hausbesuchen und Umzügen steht der Kult eines spätantiken Bischofs aus dem lykischen Myra. Aus wenigen historischen Anhaltspunkten, einem umfangreichen Bestand an Legenden, mittelalterlichen Schulritualen und regionalen Wintergestalten entstand eines der bekanntesten europäischen Kinderfeste. Nikolaus blieb dabei zugleich Heiliger, Patron, moralischer Prüfer, Geschenkebringer und Vorläufer moderner Weihnachtsfiguren.

Wann ist Nikolaustag – und warum am 6. Dezember?

Der Nikolaustag wird in den westlichen Kirchen am 6. Dezember begangen. Das Datum gilt traditionell als Todestag des Bischofs Nikolaus von Myra. Ein genaues Todesjahr ist nicht sicher überliefert; in kirchlichen und populären Darstellungen erscheinen unterschiedliche Angaben aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Wie bei vielen Heiligengedenktagen wurde nicht der Geburtstag, sondern der als Übergang zum ewigen Leben verstandene Todestag zum Festtermin.

In Familien beginnt das Brauchtum häufig bereits am Abend des 5. Dezember. Kinder putzen Schuhe oder Stiefel und stellen sie vor eine Tür, an ein Fenster oder vor den Kamin. In den Niederlanden und Teilen Belgiens ist der 5. Dezember als Pakjesavond sogar der wichtigste Zeitpunkt des Sinterklaasfestes. Kirchlich bleibt der 6. Dezember jedoch der eigentliche Gedenktag.

Der deutsche Name „Nikolaus“ geht über das Lateinische auf das griechische Nikólaos zurück. Er wird gewöhnlich aus Wörtern für „Sieg“ und „Volk“ erklärt. Die starke Verbreitung des Personennamens in vielen europäischen Sprachen – Nikolaus, Nicholas, Nicolas, Nicola, Nikolaj, Mikuláš oder Sinterklaas – spiegelt die außerordentliche Reichweite des Kultes.

Was wissen wir über den historischen Nikolaus von Myra?

Nikolaus von Myra gehört zu den bekanntesten Heiligen der christlichen Welt, ist historisch aber schwer zu fassen. Zeitgenössische Dokumente, eigene Schriften oder eine unmittelbar nach seinem Tod verfasste Biografie sind nicht erhalten. Als historischer Kern wird meist ein Bischof dieses Namens angenommen, der wahrscheinlich im 4. Jahrhundert in Myra in der Landschaft Lykien wirkte; der Kult an seinem Grab ist seit dem 6. Jahrhundert greifbar. Die Ruinen der Stadt liegen beim heutigen Demre an der türkischen Mittelmeerküste.

Viele scheinbar genaue Lebensdaten entstammen späteren Heiligenlegenden. Dazu gehören Erzählungen über seine Geburt in Patara, eine Pilgerreise ins Heilige Land, eine Verfolgung unter Kaiser Diokletian oder die Teilnahme am Konzil von Nicäa im Jahr 325. Besonders die berühmte Geschichte, Nikolaus habe dort den Presbyter Arius geohrfeigt, ist eine sehr späte Ausschmückung und kein gesichertes Ereignis.

Die Forschung weist außerdem darauf hin, dass sich in der Überlieferung wahrscheinlich Geschichten zweier Personen miteinander verbanden: des Bischofs Nikolaus von Myra und des späteren Abtes Nikolaus von Sion beziehungsweise Bischofs von Pinara aus dem 6. Jahrhundert. Diese Verschmelzung erklärt, warum die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen so viele Episoden enthalten, obwohl die frühen historischen Nachrichten knapp sind.

Geschichte und Legende trennenDie geringe Zahl zeitnaher Quellen bedeutet nicht, dass Nikolaus erfunden wurde. Sie bedeutet, dass zwischen einem historischen Bischof, dem späteren Heiligenkult und den erzählerischen Legenden unterschieden werden muss.

Wie Legenden den Charakter des Heiligen formten

Die Popularität des Nikolaus beruht weniger auf einer dokumentierten Biografie als auf Erzählungen über Hilfe in konkreter Not. Diese Geschichten wurden in Predigten, Handschriften, Liedern, Bildern und religiösen Spielen weitergegeben. Sie machten den Heiligen für sehr verschiedene Gruppen ansprechbar.

Die drei verarmten jungen Frauen

Die für den Geschenkbrauch wichtigste Legende erzählt von einem verarmten Vater, der für seine drei Töchter keine Mitgift aufbringen konnte. Nikolaus habe nachts heimlich Gold durch das Fenster geworfen und damit die Frauen vor Not, Zwang oder Ausbeutung bewahrt. In späteren Fassungen fällt das Gold durch den Kamin oder landet in Strümpfen und Schuhen. Die drei Goldkugeln wurden zu einem häufigen Attribut des Heiligen.

Die Pointe der Erzählung liegt im verborgenen Geben. Nikolaus hilft, ohne öffentliche Anerkennung zu suchen. Dieser Gedanke prägte die Vorstellung, dass Geschenke in seinem Namen heimlich und während der Nacht gebracht werden.

Die Rettung der Seeleute

Andere Legenden schildern Nikolaus als Helfer in Seenot. Während eines Sturmes erscheint er auf einem Schiff, beruhigt das Meer oder führt die Mannschaft sicher in den Hafen. Dadurch wurde er zu einem der bedeutendsten Patrone von Seeleuten, Fischern und Hafenstädten. Kirchen an Küsten, Flüssen und Handelswegen tragen besonders häufig seinen Namen.

Korn für die hungernde Stadt

In einer Hungersnot soll Nikolaus Händler überzeugt haben, einen Teil des für den Kaiser bestimmten Getreides in Myra abzugeben. Bei der späteren Ablieferung habe dennoch nichts gefehlt. Die Geschichte verbindet Fürsorge für Arme mit Schutz des Handels und erklärt, warum auch Kaufleute, Bäcker und Kornhändler Nikolaus verehrten.

Die geretteten Schüler oder Kinder

Eine mittelalterliche Legende erzählt von drei Schülern oder Knaben, die von einem Wirt getötet und eingepökelt worden seien. Nikolaus entdeckt das Verbrechen und erweckt sie zum Leben. Diese drastische Geschichte verstärkte seine Rolle als Beschützer der Kinder und Schüler. In der Kunst erscheinen die drei Geretteten manchmal in einem Bottich zu Füßen des Bischofs.

Vom lykischen Bischof zum Heiligen Europas

Der Kult entwickelte sich zunächst im griechischsprachigen Osten des Römischen Reiches. Myra wurde zum Wallfahrtsort, und spätestens in byzantinischer Zeit gehörte Nikolaus zu den besonders verehrten Heiligen. Seine Geschichten verbreiteten sich über Hafenstädte, Klöster und Handelswege. Die Verbindung mit Seefahrt und Kaufmannschaft erleichterte den Transfer in neue Regionen.

Im frühen und hohen Mittelalter gewann Nikolaus auch im Westen an Bedeutung. Kirchen und Kapellen wurden ihm geweiht, sein Name verbreitete sich, und seine Vita wurde in lateinischen Sammlungen bearbeitet. Herrscherhöfe, Geistliche und Reisende aus den Kontaktzonen zwischen Byzanz und dem lateinischen Europa trugen zur Ausbreitung bei.

Die Verehrung war dabei nie ausschließlich ein Kinderbrauch. Nikolaus galt als Patron von Seeleuten, Reisenden, Kaufleuten, Gefangenen, zu Unrecht Verurteilten, Schülern und Bedürftigen. Erst aus dieser breiten mittelalterlichen Kultlandschaft entwickelte sich allmählich die moderne Konzentration auf Kinder und kleine Geschenke.

1087: Wie die Reliquien nach Bari kamen

Ein Wendepunkt war die Überführung eines großen Teils der als Gebeine des Heiligen verehrten Reliquien aus Myra nach Bari. Im Jahr 1087 nahmen Seeleute und Kaufleute aus der süditalienischen Stadt die Gebeine aus dem Grab in Myra und brachten sie über das Meer nach Apulien. In Bari wird dieses Ereignis als Traslazione gefeiert; aus anderer Perspektive war es eine gewaltsame Aneignung von Reliquien.

Für die Aufnahme wurde die Basilika San Nicola errichtet. Die neue Grabstätte lag günstiger für Pilger aus West- und Osteuropa und machte Bari zu einem internationalen Zentrum der Nikolausverehrung. Die Reliquienankunft steigerte den Kult im lateinischen Westen erheblich, obwohl Nikolaus dort bereits vorher bekannt war.

Ein weiterer Teil von Reliquien wurde später nach Venedig gebracht. Die Frage nach dem ursprünglichen Grab in Myra und der Verteilung der Gebeine ist bis heute Gegenstand archäologischer, kirchlicher und lokaler Debatten. Historisch sicher ist vor allem die enorme Wirkung des Reliquientransfers auf Bari, das Pilgerwesen und die europäischen Reisewege zu Nikolausorten zwischen Myra, Bari und den Hafenstädten.

Warum wurde Nikolaus zum Freund und Beschützer der Kinder?

Mehrere Traditionsstränge liefen zusammen. Die Legende von den geretteten Schülern machte Nikolaus zum Schutzheiligen junger Menschen. Die Erzählung von den drei Goldgaben verband ihn mit großzügigem, verborgenem Schenken. Kloster- und Domschulen feierten seinen Tag, und Schülergruppen traten öffentlich auf. Aus dem Heiligen der Seeleute und Kaufleute wurde daher nicht plötzlich, sondern schrittweise ein besonderer Patron der Kinder.

Im mittelalterlichen Kalender lag der Nikolaustag in einer Zeit, die von Schulritualen, Adventsbräuchen und Festen mit zeitweiser Umkehr sozialer Rollen geprägt war. Kinder konnten singen, sammeln, Gaben erhalten oder in liturgischen Spielen eine überraschend hohe Stellung einnehmen. Die Verehrung eines bischöflichen Schülerpatrons bot dafür einen passenden Rahmen.

Spätere Hausbesuche machten aus der allgemeinen Heiligenverehrung eine persönliche Begegnung. Ein als Bischof gekleideter Nikolaus fragte Kinder nach Gebeten, Fleiß und Verhalten, lobte oder ermahnte sie und verteilte Äpfel, Nüsse, Gebäck und später Süßigkeiten. Damit verband sich religiöse Erinnerung mit familiärer Erziehung.

Kinderbischof und Bischofsspiel im Mittelalter

An Dom-, Stifts- und Klosterschulen wählten Schüler im Mittelalter zeitweise einen Kinder- oder Schülerbischof. Der gewählte Junge trug Mitra und Stab, zog mit einem Gefolge in die Kirche ein und übernahm symbolisch Aufgaben oder Ehrenplätze der erwachsenen Geistlichen. Der Brauch wurde je nach Ort am Nikolaustag, am Fest der Unschuldigen Kinder oder über einen längeren Zeitraum zwischen beiden Terminen begangen.

Das Bischofsspiel war zugleich Ritual, Schauspiel und begrenzte Umkehr der Ordnung. Es konnte ernsthafte liturgische Elemente enthalten, aber auch in Umzüge, Spott und ausgelassene Formen übergehen. Kirchliche Autoritäten versuchten wiederholt, Auswüchse einzuschränken. Dennoch hielt sich der Brauch über Jahrhunderte.

Die direkte Abstammung sämtlicher moderner Nikolausbesuche vom Kinderbischofsspiel lässt sich nicht beweisen. Es besteht jedoch ein deutlicher historischer Zusammenhang zwischen dem Heiligentag, Schülern, bischöflicher Verkleidung, Prüf- und Lobritualen sowie der Verteilung kleiner Gaben.

Reformation: Warum Nikolaus Konkurrenz vom Christkind bekam

Im spätmittelalterlichen Europa war der 6. Dezember ein wichtiger Termin für Geschenke an Kinder. Die Reformation kritisierte jedoch die Heiligenverehrung. In lutherisch geprägten Gebieten wurde die Bescherung deshalb zunehmend mit dem „Heiligen Christ“ beziehungsweise dem Christkind verbunden und stärker auf Weihnachten verlagert.

Dieser Wandel verlief regional und langsam. Selbst für Luthers Haushalt sind noch 1535 Nikolausgeschenke belegt. Verbote zeigen ebenfalls, dass Nikolausbräuche trotz theologischer Kritik weiterlebten. In katholischen Regionen blieb der Bischof deutlich sichtbar, während in protestantischen Gebieten Christkind, Knecht Ruprecht oder später der Weihnachtsmann an Bedeutung gewannen. Häufig bestanden mehrere Geschenktermine nebeneinander.

Wer die Verschiebung genauer verstehen möchte, findet im Beitrag über die Entstehung der Weihnachtsbescherung und den Wandel des Weihnachtsfestes den größeren Zusammenhang. Auch die Geschichte des Advents zwischen Fastenzeit, Hausfrömmigkeit und Konsumkultur zeigt, wie sich der Dezemberkalender über Jahrhunderte veränderte.

Woher kommt der Brauch mit Stiefeln und Schuhen?

Am Abend des 5. Dezember werden Schuhe geputzt und bereitgestellt. Am Morgen finden Kinder darin Nüsse, Mandarinen, Schokolade oder kleine Geschenke. Eine einzige, sicher belegte Ursprungsgeschichte gibt es nicht.

Häufig wird der Schuh mit der Goldlegende verbunden: Nikolaus brachte seine Hilfe nachts und unbemerkt; spätere Erzählungen ließen die Goldstücke in Strümpfe oder Schuhe fallen. Daneben gab es in Teilen Europas Nikolausschiffchen aus Papier oder Holz, Teller und Schalen, die für Gaben bereitstanden. Der moderne Stiefel ist daher wahrscheinlich das Ergebnis mehrerer regionaler Formen des „Behälters für die Gabe“.

Das Putzen der Schuhe erhielt eine erzieherische Deutung: Wer Ordnung und Fleiß zeigt, wird belohnt. Historisch darf diese Erklärung nicht mit dem Ursprung verwechselt werden. Viele Bräuche werden nachträglich pädagogisch begründet, obwohl sie aus älteren Festpraktiken hervorgegangen sind.

Knecht Ruprecht, Krampus, Schmutzli und andere Begleiter

Der Nikolaus tritt nicht überall allein auf. Im nördlichen und mittleren deutschen Sprachraum ist Knecht Ruprecht bekannt. Er trägt häufig dunkle oder pelzartige Kleidung, einen Sack und eine Rute. In älteren Darstellungen verkörperte er stärker Drohung und Bestrafung, während Nikolaus die positive, schenkende Seite übernahm. Moderne Auftritte mildern diese Rollenverteilung meist deutlich ab.

Im Alpenraum begleiten Krampusgestalten den Nikolaus. Masken, Hörner, Fell, Glocken und Ketten erzeugen einen drastischen Kontrast zum bischöflichen Heiligen. Regionale Krampusläufe können Elemente von Hausbesuch, Maskenumzug und öffentlichem Spektakel verbinden. Die verbreitete Behauptung, Krampus sei einfach ein unverändert erhaltener „vorchristlicher Dämon“, ist zu schlicht. Maskenbräuche können ältere Motive aufnehmen, ihre heutige Form entstand jedoch in konkreten christlichen und neuzeitlichen Festkulturen. Der eigene Beitrag über die Geschichte des Krampus zwischen Volksglauben, Nikolausbrauch und moderner Maskenkultur behandelt diese Entwicklung ausführlicher.

In der Schweiz erscheint regional Schmutzli, in Frankreich Père Fouettard, in Luxemburg der Houseker und in weiteren Gebieten zahlreiche lokale Gestalten. Manche tragen Rute, Kette oder Sack, andere helfen lediglich beim Verteilen der Gaben. Ihre Vielfalt zeigt, dass „der Nikolausbrauch“ kein starres gesamteuropäisches Modell ist.

Nikolausbräuche in Europa

Deutschland

In Deutschland reichen die Formen vom gefüllten Stiefel über Besuche in Familien, Schulen und Kindergärten bis zu Umzügen und Schiffsankünften in Hafenstädten. Der Nikolaus trägt idealerweise bischöfliche Kleidung mit Mitra und Stab. Regional begleitet ihn Knecht Ruprecht oder eine andere Figur. Äpfel, Nüsse und Gebäck erinnern an ältere Gaben, während Schokolade und industriell gefertigte Hohlfiguren neuere Konsumformen darstellen.

Österreich und Alpenraum

In Österreich, Südtirol, Bayern und angrenzenden Regionen treffen Nikolausbesuche auf Krampus- und Perchtenkulturen. Die historischen Unterschiede zwischen Perchten, Krampus und anderen alpinen Wintergestalten werden im heutigen Sprachgebrauch regional oft verwischt. Nikolaus kann Häuser besuchen, während Krampusse in Gruppen durch Straßen ziehen. In manchen Orten wurden gewalttätige Ausprägungen im 20. Jahrhundert bewusst durch organisierte Vereine, Regeln und familienfreundlichere Veranstaltungen ersetzt.

Schweiz

Der Samichlaus erscheint häufig zusammen mit Schmutzli. Kinder tragen Verse vor, erhalten Nüsse, Mandarinen und Lebkuchen. In einigen Regionen führen aufwendige Umzüge, Schellen, Lärmbräuche und lokale Maskentraditionen zu ganz eigenen Formen, die nicht auf ein einheitliches Schweizer Modell reduziert werden können.

Niederlande und Belgien

Sinterklaas kommt in der niederländischen Tradition auf einem Schiff an, reitet auf einem weißen Pferd und verteilt in der Nacht Gaben. Der Pakjesavond am 5. Dezember verbindet Geschenke mit Gedichten und humorvollen Verpackungen. Ein Gemälde Jan Steens aus dem 17. Jahrhundert zeigt bereits ein lebhaftes Familienfest mit Süßigkeiten und unterschiedlichen Reaktionen der Kinder. Viele heute bekannte Elemente – etwa Dampfschiff und nationale Ankunft – wurden jedoch besonders im 19. und 20. Jahrhundert geformt.

Die Darstellung seiner Helfer ist Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und verändert sich. Das niederländische Wissenszentrum für immaterielles Erbe betont, dass das Fest aus vielen variablen Bestandteilen besteht und Traditionen nie unveränderlich sind.

Luxemburg, Frankreich und weitere Regionen

In Luxemburg besitzt Kleeschen eine starke öffentliche Präsenz. In Teilen Frankreichs, besonders im Nordosten, besucht Saint Nicolas Kinder und wird von Père Fouettard begleitet. In Tschechien und der Slowakei ziehen Mikuláš, Engel und Teufel gemeinsam durch Straßen oder Häuser. In Italien steht neben dem 6. Dezember besonders Bari mit dem Fest der Reliquienübertragung im Mai im Zentrum. In orthodox geprägten Ländern wird Nikolaus als Wundertäter, Bischof und Patron verehrt, ohne dass das westeuropäische Stiefelbrauchtum überall dieselbe Rolle spielt.

Von Sinterklaas zu Santa Claus

Der moderne Santa Claus ist nicht identisch mit Nikolaus von Myra, steht aber in dessen Traditionslinie. Niederländische Formen des Namens Sint Nicolaas beziehungsweise Sinterklaas gelangten in den englischsprachigen Raum. In Nordamerika verbanden sie sich mit britischen Weihnachtsgestalten, Literatur, Illustrationen und kommerzieller Bildkultur.

Im 19. Jahrhundert entstand schrittweise die Vorstellung eines nächtlichen Geschenkebringers mit Schlitten, Rentieren, Werkstatt und Wohnort im hohen Norden. Illustratoren wie Thomas Nast trugen zur visuellen Festlegung bei. Im 20. Jahrhundert verbreiteten Werbung, Film und Handel den rot gekleideten, rundlichen Santa weltweit.

Die oft wiederholte Aussage, ein einzelner Getränkekonzern habe den Weihnachtsmann „erfunden“, ist falsch. Werbung standardisierte und popularisierte ein bereits bestehendes Bild. Die längere Entwicklung von Nikolaus, Christkind und Weihnachtsmann wird im Artikel über die Geschichte von Weihnachten vom Kirchenfest zur globalen Familien- und Konsumkultur ausführlich erklärt.

Der Nikolaustag heute: zwischen Religion, Familie und öffentlichem Brauch

Heute kann der Nikolaustag sehr unterschiedlich verstanden werden. Kirchengemeinden erinnern an einen Bischof, dessen Legenden Gerechtigkeit, Schutz und verborgene Hilfe hervorheben. Familien pflegen ein Kinderfest mit Schuhen und kleinen Gaben. Schulen, Vereine und Städte organisieren Besuche oder Umzüge. Handel und Medien nutzen die Gestalt zugleich als Teil der Adventssaison.

Die pädagogische Rolle hat sich verändert. Früher konnten Rute, Drohung, öffentliches Bloßstellen und detaillierte „Sündenregister“ zum Auftritt gehören. Heute betonen viele Veranstalter Ermutigung, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit. Angst soll nicht das zentrale Mittel sein. Damit verschwindet nicht jede Tradition, sondern ihre gesellschaftliche Deutung verändert sich.

Auch die Kleidung ist bedeutend. Ein bischöflicher Nikolaus trägt Mitra, Stab und oft ein liturgisch inspiriertes Gewand. Der Weihnachtsmann erscheint dagegen mit Zipfelmütze, Pelzbesatz und Sack. Wo beide Gestalten austauschbar behandelt werden, verliert der Nikolaustag einen Teil seiner historischen Eigenart.

Der Tag bleibt lebendig, weil er anpassungsfähig ist. Seine Formen reichen von orthodoxer Heiligenverehrung und Pilgerfahrt nach Bari über niederländischen Pakjesavond bis zum gefüllten Stiefel in deutschen Familien. Hinter dieser Vielfalt steht ein gemeinsames Motiv: Eine Gabe soll nicht bloß Besitz vermehren, sondern Aufmerksamkeit für Menschen sichtbar machen, die Hilfe, Schutz oder Anerkennung benötigen.

Der Nikolaustag auf der Zeittafel

  • Ein Bischof Nikolaus wirkt nach späterer Überlieferung in Myra in Lykien. Zeitgenössische Lebensbeschreibungen sind nicht erhalten.

  • Der Kult am Grab in Myra ist greifbar; erhaltene Lebensbeschreibungen und viele Wundererzählungen werden erst später schriftlich fassbar.

  • Überlieferungen zu Nikolaus von Sion werden später teilweise mit der Biografie des Bischofs von Myra verbunden.

  • Der Nikolauskult breitet sich über Byzanz, Italien und weitere Teile Europas aus; Kirchen und Hafenorte stellen sich unter seinen Schutz.

  • Der Heilige gewinnt im lateinischen Westen stark an Popularität. Am 9. Mai 1087 gelangen Reliquien aus Myra nach Bari.

  • Legenden, liturgische Feiern, Schüler- und Kinderbischofsspiele verbinden den 6. Dezember zunehmend mit jungen Menschen und Gaben.

  • Die Reformation kritisiert Heiligenverehrung. In protestantischen Gebieten wandert die Bescherung teilweise zum Christkind und zum Weihnachtsfest.

  • Jan Steens Gemälde dokumentiert ein niederländisches Sint-Nicolaasfest als lebendige Familienfeier.

  • Hausbesuche, Stiefelbrauch, regionale Begleiter und nationale Sinterklaasformen werden stärker vereinheitlicht und bürgerlich geprägt.

  • Sinterklaas beeinflusst die amerikanische Santa-Claus-Figur; Illustrationen, Literatur und Werbung verbreiten neue Bildformen.

  • Kirchen, Familien und Vereine verbinden historische Erinnerung mit neuen pädagogischen und gesellschaftlichen Erwartungen.

Mythen und Fakten über den Nikolaustag

Mythos: Das gesamte Leben des Nikolaus ist historisch belegt

Fakt: Ein historischer Bischof gilt als Grundlage, doch fast alle bekannten Episoden stammen aus späteren Legenden.

Mythos: Nikolaus schlug Arius auf dem Konzil von Nicäa

Fakt: Diese Geschichte erscheint erst spät und ist kein verlässlicher Bericht über das Konzil.

Mythos: Der Stiefelbrauch geht sicher auf ein einziges Ereignis zurück

Fakt: Goldlegende, Schuhe, Strümpfe, Teller und Nikolausschiffchen gehören zu mehreren regionalen Entwicklungssträngen.

Mythos: Krampus ist überall der Begleiter des Nikolaus

Fakt: Krampus ist regional. Andere Gebiete kennen Knecht Ruprecht, Schmutzli, Père Fouettard oder keine Begleitfigur.

Mythos: Luther schaffte den Nikolaus sofort ab

Fakt: Die Reformation förderte andere Geschenkfiguren und Termine, doch Nikolausbräuche bestanden vielerorts weiter.

Mythos: Coca-Cola erfand den Weihnachtsmann

Fakt: Die Werbung popularisierte eine ältere Figur, die aus mehreren europäischen und amerikanischen Traditionen entstanden war.

Häufige Fragen zum Nikolaustag

Wann ist Nikolaustag?

Der Nikolaustag wird in den westlichen Kirchen am 6. Dezember begangen. In vielen Familien beginnt das Brauchtum bereits am Abend des 5. Dezember, wenn Schuhe oder Stiefel für kleine Gaben bereitgestellt werden.

Gab es Nikolaus von Myra wirklich?

Ein Bischof Nikolaus von Myra im spätantiken Lykien gilt als historische Grundlage des Kultes. Zeitnahe Quellen zu seinem Leben fehlen jedoch; viele biografische Einzelheiten stammen aus späteren Legenden und wurden teilweise mit Überlieferungen zu Nikolaus von Sion vermischt.

Warum bekommen Kinder am Nikolaustag Geschenke?

Der Geschenkbrauch entwickelte sich aus der Verehrung eines Heiligen, dessen Legenden heimliche Hilfe für Bedürftige schildern. Mittelalterliche Bischofsspiele, Schülerbräuche und spätere Hausbesuche verbanden den Gedenktag zunehmend mit Gaben für Kinder.

Warum stellt man Stiefel oder Schuhe vor die Tür?

Der genaue Ursprung ist nicht eindeutig belegt. Der Brauch wird häufig mit der Legende von heimlich geschenktem Gold verbunden und entwickelte sich regional aus Formen des Einlegens von Gaben in Schiffe, Schalen, Strümpfe oder Schuhe.

Was ist der Unterschied zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann?

Nikolaus ist die kirchlich und volkstümlich geprägte Gestalt des Bischofs von Myra und trägt Mitra und Bischofsstab. Der Weihnachtsmann ist eine neuzeitliche, international verbreitete Geschenkfigur, die Einflüsse von Nikolaus, Sinterklaas, Father Christmas und amerikanischer Populärkultur verbindet.

Gehört Krampus überall zum Nikolaustag?

Nein. Krampus ist vor allem in Teilen des Alpenraums verbreitet. In anderen Regionen begleiten Knecht Ruprecht, Schmutzli, Père Fouettard oder lokale Maskengestalten den Nikolaus. Viele Familien feiern ganz ohne Begleitfigur.

Ist der 6. Dezember ein gesetzlicher Feiertag?

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Nikolaustag grundsätzlich kein allgemeiner gesetzlicher Feiertag. Kirchliche Feiern, Schulbesuche und regionale Umzüge finden dennoch vielerorts statt.

Fazit

Der Nikolaustag ist weder nur ein kirchlicher Gedenktag noch bloß ein Vorabend moderner Weihnachtsgeschenke. Seine Geschichte beginnt bei einem schwer fassbaren Bischof im spätantiken Myra und führt über byzantinische Verehrung, mittelalterliche Wunderlegenden, Reliquienkult, Schülerbischöfe, Reformation, Hausbesuche und regionale Maskengestalten bis zu Sinterklaas und Santa Claus.

Die vielen Schichten erklären scheinbare Widersprüche. Nikolaus kann feierlicher Bischof und heimlicher Geschenkebringer sein, Patron der Seeleute und Freund der Kinder, Gestalt der Kirche und Held einer weltlichen Familienfeier. Begleiter wie Knecht Ruprecht oder Krampus zeigen, wie lokale Winterbräuche den Kult veränderten. Die Verschiebung der großen Bescherung auf Weihnachten zeigt den Einfluss konfessioneller und gesellschaftlicher Umbrüche.

Seine dauerhafteste Idee liegt im verborgenen Geben. Die Legenden erzählen nicht von Reichtum um seiner selbst willen, sondern von Hilfe, die Würde schützt. Gerade deshalb lässt sich der Nikolaustag immer wieder neu deuten, ohne seine historische Mitte vollständig zu verlieren.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. katholisch.de: Nikolaus. Überblick zur historischen Überlieferung, zur Vermischung mit Nikolaus von Sion und zum Gedenktag.
  2. katholisch.de: Nikolaus – die harten Fakten. Zu Legenden, Patronaten, Kinderbischof und Knecht Ruprecht.
  3. Evangelische Kirche in Deutschland: Am 6. Dezember ist Nikolaustag. Zur Gestalt des Bischofs von Myra und zum evangelischen Umgang mit dem Brauch.
  4. EKD: Martin Luthers Christkind verdrängte den Nikolaus. Zur Verlagerung des Geschenktermins in der Reformationszeit.
  5. Basilica Pontificia San Nicola: Die Überführung der Reliquien. Offizielle Darstellung der Ereignisse von 1087 und der Entstehung des Kultzentrums Bari.
  6. Basilica Pontificia San Nicola: Ausbreitung des Kultes vom 5. Jahrhundert bis 1087.
  7. Historisches Lexikon Bayerns: Bischofsspiel. Zur Entwicklung der mittelalterlichen Kinder- und Schülerbischöfe.
  8. LVR-Institut für Landeskunde: Kinder als Bischöfe am Nikolaustag. Regionalhistorische Beispiele aus Köln.
  9. Universität Greifswald: Woher kommt der Nikolaus?. Zur Verschmelzung der Überlieferungen und zu europäischen Begleitfiguren.
  10. Nederlands Openluchtmuseum: Het Sinterklaasfeest. Zur niederländischen Entwicklung vom Heiligenfest zur nationalen Familienfeier.
  11. Rijksmuseum: The Feast of Saint Nicholas von Jan Steen. Ein bildlicher Beleg für das Familienfest im 17. Jahrhundert.
  12. Kenniscentrum Immaterieel Erfgoed Nederland: Zukunft des Sinterklaasfestes. Zur Wandelbarkeit und Vielfalt der heutigen Tradition.
  13. Bistum Regensburg: Nikolaustradition im Bayerischen Wald. Beispiel für die organisierte Erneuerung regionalen Brauchtums.
  14. Charles W. Jones: Saint Nicholas of Myra, Bari, and Manhattan. Biography of a Legend. University of Chicago Press, Chicago.
  15. Karl Meisen: Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande. Schwann, Düsseldorf.
  16. Tanja Skambraks: Das Kinderbischofsfest im Mittelalter. Sismel, Florenz.
  17. Werner Mezger: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Schwabenverlag, Ostfildern.
  18. Gerry Bowler: Santa Claus. A Biography. McClelland & Stewart, Toronto.

Die Lebensdaten des Nikolaus von Myra und zahlreiche biografische Episoden sind nicht zeitgenössisch dokumentiert. Der Artikel unterscheidet deshalb zwischen historischem Kern, kirchlicher Überlieferung, mittelalterlicher Legende und regionalem Brauchtum. Erklärungen zur Herkunft einzelner Bräuche werden dort vorsichtig formuliert, wo keine eindeutige Entwicklungslinie belegt ist.