Kaum ein historisches Thema ist so dicht von späteren Bildern überlagert wie die Hexenverfolgungen. Scheiterhaufen im „finsteren Mittelalter“, Millionen verbrannter Frauen, eine allmächtige Inquisition und verfolgte weise Heilerinnen gehören zu einem modernen Erzählpaket, das sich aus Romanen, Filmen, politischer Erinnerung und älterer Forschung zusammensetzt. Einzelne Motive besitzen historische Anknüpfungspunkte – als Gesamtbild führen sie jedoch in die Irre.
Die europäischen Hexenverfolgungen waren vor allem ein Phänomen der Frühen Neuzeit. Ihr intensiver Höhepunkt lag in vielen Regionen zwischen dem späten 16. und der Mitte des 17. Jahrhunderts. Verfolgt wurden überwiegend Frauen, aber keineswegs ausschließlich. Prozesse liefen vor weltlichen wie vor kirchlichen Gerichten, regional mit enormen Unterschieden. Und vor allem: Volksglaube, Alltagsmagie und das juristisch-theologische Verbrechen „Hexerei“ waren nicht einfach dasselbe.
Mythos 1: Die Hexenverfolgung war mittelalterlich
Das populärste Missverständnis betrifft die Epoche. Zwar entstanden wichtige Bausteine des europäischen Hexereidiskurses im späten Mittelalter, und bereits im 15. Jahrhundert fanden Verfolgungen statt. Die großen Wellen gehören jedoch vor allem in die Frühe Neuzeit. Das Deutsche Historische Museum nennt für die besonders intensive Verfolgungsphase die Jahrzehnte zwischen etwa 1560 und 1680; in der Forschung wird häufig ein Schwerpunkt zwischen ungefähr 1580 und 1650 hervorgehoben.
Das ist mehr als eine Datierungsfrage. Wer die Verfolgungen als mittelalterliches Relikt beschreibt, übersieht, dass sie sich gerade in einer Epoche ausweiteten, die zugleich Buchdruck, Konfessionalisierung, gelehrte Rechtskultur, Territorialstaaten und neue Formen der Verwaltung hervorbrachte. Hexenprozesse waren nicht einfach ein Rest einer „vormodernen Dunkelheit“. Sie entstanden innerhalb frühneuzeitlicher Gesellschaften und wurden durch deren Kommunikations- und Herrschaftsstrukturen mitgeprägt.
Auch Heinrich Kramers Malleus Maleficarum, der sogenannte Hexenhammer, erschien 1486/87 am Übergang zur Frühen Neuzeit. Das Buch war ein einflussreicher Verfolgungstext, aber kein europaweit verbindliches Gesetzbuch. Seine Bedeutung schwankte regional und zeitlich.
Die spätere Verbindung von Hexenbild, Frühlingsnacht und Brocken lässt sich ergänzend in der Geschichte der Walpurgisnacht und ihrer Hexenvorstellungen nachlesen.
Volksglaube ist nicht dasselbe wie Hexenprozess
In vielen europäischen Gesellschaften gehörten magische Vorstellungen zum Alltag. Menschen konnten an den bösen Blick, verwünschte Tiere, Wetterzauber, heilende Segensformeln oder Schutzmittel glauben. Solche Vorstellungen waren nicht automatisch identisch mit dem gelehrten Hexenstereotyp.
Alltagsmagie konnte sogar sozial akzeptiert sein. Manche Menschen galten als besonders kundig im Heilen, Wahrsagen oder Aufheben eines vermuteten Zaubers. Andere wurden nach Streit, Krankheit oder einem Unglück verdächtigt, Schaden verursacht zu haben. Zwischen einem Nachbarschaftsverdacht und einer Anklage wegen einer dämonischen Hexensekte lag jedoch ein entscheidender Schritt.
Genau hier wird die Unterscheidung zwischen Volksglaube und Verfolgung wichtig. Eine lokale Gemeinschaft konnte glauben, dass jemand eine Kuh verhext habe, ohne automatisch von nächtlichen Hexensabbaten, Teufelspakt und einer europaweiten Verschwörung auszugehen. Solche Elemente wurden besonders durch Theologen, Juristen, Dämonologen und Verhörpraktiken zu einem zusammenhängenden Verbrechensmodell verdichtet.
Wie Vorstellungen von Schaden, Neid und übernatürlicher Gefährdung auch außerhalb von Hexenprozessen funktionierten, zeigt unser Beitrag zur Geschichte des bösen Blicks im europäischen und mediterranen Volksglauben.
Wie aus Schadenzauber das „Hexereiverbrechen“ wurde
Das frühneuzeitliche Hexereikonzept verband mehrere ältere Vorstellungen miteinander. Dazu gehörte maleficium, also schädigende Magie: Krankheit, Tod, Unfruchtbarkeit, Missernte oder Viehsterben konnten einem Menschen zugeschrieben werden. Hinzu kamen Vorstellungen vom Bund mit dem Teufel, vom Hexensabbat, vom Flug und von einer geheimen Gemeinschaft der Hexen.
Gerade diese Verbindung machte das Delikt so gefährlich. Aus einer vermeintlichen einzelnen Schadenshandlung wurde ein Angriff auf göttliche und gesellschaftliche Ordnung. Wenn ein Gericht glaubte, Hexen bildeten eine verborgene Sekte, genügte die Verurteilung einer Person nicht mehr. Die Angeklagte musste angebliche Komplizen nennen. So konnte aus einem Verfahren eine Kette weiterer Beschuldigungen entstehen.
Die Forschung spricht deshalb nicht von einer einzigen Ursache. Hexenverfolgung entstand dort besonders leicht, wo mehrere Faktoren zusammenwirkten: lokale Konflikte, ein überzeugtes Gericht, passende Rechtsverfahren, religiöse Deutungen, Gerüchte und eine politische Struktur, in der übergeordnete Kontrolle schwach war.
Mythos 2: Die Inquisition verbrannte die Hexen
Die Vorstellung, die europäischen Hexenjagden seien hauptsächlich von der kirchlichen Inquisition durchgeführt worden, gehört zu den hartnäckigsten Vereinfachungen. Tatsächlich waren weltliche Gerichte an den Verfolgungen zentral beteiligt. Gerade in zahlreichen Territorien des Heiligen Römischen Reiches konnten lokale und territoriale Gerichte Prozessserien entwickeln.
Das führt zu einem scheinbaren Paradox: In Spanien, Portugal und Teilen Italiens, wo institutionalisierte Inquisitionsgerichte eine starke Kontrolle ausübten, gingen diese Behörden bei Hexereivorwürfen teilweise skeptischer und verfahrensmäßig vorsichtiger vor als manche lokalen weltlichen Gerichte nördlich der Alpen. Das macht die Inquisition keineswegs zu einer allgemein toleranten Institution; sie verfolgte andere Gruppen mit großer Härte. Für die konkrete Geschichte der Hexereiverfahren ist die Gleichung „Inquisition = Hexenverbrennung“ dennoch falsch.
Besonders gefährlich konnten Gerichtslandschaften werden, in denen kleine Herrschaften große Autonomie besaßen und Kontrolle durch übergeordnete Instanzen fehlte. Wo gelehrte Juristen Urteile überprüften oder zentrale Gerichte Verfahren bremsten, konnten Verfolgungen eher begrenzt werden.
Mythos 3: Verfolgt wurden ausschließlich Frauen
Frauen stellten in Europa insgesamt die Mehrheit der Angeklagten und Hingerichteten. Das Geschlechterbild ist aber regional sehr ungleich. In einigen Gebieten waren Männer in erheblichem Umfang betroffen; in Island überwogen unter den wegen Hexereidelikten Angeklagten sogar Männer deutlich.
Das weibliche Hexenstereotyp war dennoch mächtig. Heinrich Kramer beschrieb Frauen in ausgesprochen frauenfeindlicher Weise als besonders anfällig für dämonische Verführung. Andere Dämonologen stellten den angeblichen Hexensabbat dagegen ausdrücklich als Versammlung von Frauen und Männern vor. Konfession, lokale Rechtspraxis und bestehende Vorstellungen über Geschlecht beeinflussten deshalb die Opferstruktur.
Wer daraus nur den Satz „Hexenverfolgung war Frauenverfolgung“ macht, verliert regionale Unterschiede und männliche Opfer aus dem Blick. Wer den Geschlechteraspekt dagegen herunterspielt, verkennt die deutliche Überrepräsentation von Frauen in vielen zentralen Verfolgungsgebieten. Beides muss zugleich sichtbar bleiben.
Mythos 4: Vor allem Hebammen und Heilerinnen waren Opfer
Ein verbreitetes modernes Narrativ stellt Hexenprozesse als gezielte Vernichtung weiblichen Heilwissens dar. Es verbindet Verfolgung mit Hebammen, Kräuterkundigen und „weisen Frauen“. Einzelne Angeklagte hatten tatsächlich medizinische, magische oder geburtshilfliche Kenntnisse. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine europäische Opfergruppe ableiten.
Die Forschung zeigt ein viel breiteres Spektrum: arme und wohlhabende Frauen, Witwen und Verheiratete, Männer, Kinder, Amtsträger und sogar Geistliche konnten in Verfolgungswellen geraten. Das Deutsche Historische Museum weist ausdrücklich darauf hin, dass Hebammen nicht zu den bevorzugten Opfergruppen zählten.
Warum hält sich das Bild trotzdem? Es bietet eine klare moralische Erzählung: auf der einen Seite weibliches Erfahrungswissen, auf der anderen eine patriarchale Institution. Die wirkliche Prozessgeschichte ist komplizierter. Gerade ihre Unordnung – Nachbarschaftskonflikte, Gerüchte, politische Macht, Recht, Religion und Zufälle – lässt sich schwerer in ein einziges modernes Erklärungsmuster fassen.
Mythos 5: Millionen Menschen wurden verbrannt
Auch die Opferzahlen wurden lange massiv überhöht. Die ältere Behauptung von neun Millionen getöteten „Hexen“ gilt in der historischen Forschung als widerlegt. Vorsichtige Schätzungen bewegen sich europaweit in einer Größenordnung von ungefähr 60.000 Hinrichtungen, wobei genaue Zahlen wegen lückenhafter Quellen und regional unterschiedlich gut erforschter Bestände schwierig bleiben.
Diese Korrektur relativiert das Verbrechen nicht. Zehntausende Hinrichtungen, Folter, Haft, Vertreibung und soziale Zerstörung bleiben eine gewaltige historische Katastrophe. Außerdem erfasst die Zahl der Hingerichteten nicht alle Opfer. Menschen konnten ein Verfahren überleben und dennoch durch Folter, Vermögensverlust, Verbannung oder Stigmatisierung dauerhaft geschädigt werden.
Historisch verantwortliches Erinnern braucht deshalb keine überhöhten Zahlen. Gerade die präzise Rekonstruktion macht sichtbar, wie reale Institutionen reale Menschen verfolgten.
Wie eine lokale Beschuldigung zur Prozesswelle werden konnte
Ein Hexenprozess begann häufig klein. Ein Kind erkrankte, Vieh starb, Hagel zerstörte die Ernte oder ein Nachbarschaftsstreit eskalierte. Eine Person erinnerte sich an eine Drohung: „Das wirst du noch bereuen.“ Im Nachhinein konnte dieser Satz als Beweis für Schadenzauber erscheinen.
Entscheidend war, was danach geschah. Nahm ein Gericht den Verdacht auf? Durfte Folter eingesetzt werden? Musste die angeklagte Person weitere Namen nennen? Wurden solche „Besagungen“ als neue Indizien verwendet? Wurde ein skeptischer Jurist eingeschaltet oder ein Verfolgungsbefürworter? Eine Prozesskette konnte sich aus ihrer eigenen Logik heraus verstärken.
Gerade unter Folter erzeugte das Verfahren die Informationen, nach denen es suchte. Angeklagte bestätigten vorgegebene Vorstellungen über Sabbat, Teufelspakt und Mitverschwörer. Das Geständnis wirkte dann wie Bestätigung einer Theorie, die das Verhör selbst strukturiert hatte.
Krisen erklären nicht alles – aber sie konnten Verfolgung beschleunigen
Historiker haben Zusammenhänge zwischen Hexenjagden und Krisen wie Teuerung, schlechter Ernte, Krankheit, Krieg oder klimatischen Belastungen untersucht. Solche Situationen konnten das Bedürfnis nach Schuldigen verstärken. Dennoch führte nicht jede Missernte zu Hexenprozessen, und nicht jede Region mit schwierigen Lebensbedingungen entwickelte Massenverfolgungen.
Die sogenannte Kleine Eiszeit bietet deshalb keine Alleinerklärung. Wetter konnte ein Konfliktfeld liefern – besonders wenn Hagel oder Kälte als absichtlich verursacht gedacht wurden. Ob daraus eine tödliche Verfolgung entstand, hing aber von Gerichten, politischen Strukturen, lokalen Akteuren und vorhandenen Vorstellungen ab.
Auch Konfessionskonflikte nach Reformation und Gegenreformation prägten die Epoche, aber weder katholische noch protestantische Gebiete besaßen ein Monopol auf Hexenjagden. In beiden Konfessionsräumen gab es Verfolger und Skeptiker.
Es gab schon damals Gegner der Verfolgungen
Ein weiteres bequemes Bild lautet, „damals“ hätten alle Menschen an Hexen geglaubt und erst die Aufklärung habe Zweifel ermöglicht. Tatsächlich gab es schon während der Hochphase Kritik. Juristen, Geistliche und Ärzte stellten einzelne Beweise, Foltergeständnisse oder ganze Verfolgungslogiken infrage.
Besonders bekannt ist der Jesuit Friedrich Spee, dessen Cautio Criminalis von 1631 die Prozesspraxis scharf kritisierte. Sein Argument war nicht einfach modernes Unglauben. Er zeigte vielmehr, dass das Verfahren selbst Angeklagte schuldig erscheinen ließ: Wer unter Folter gestand, galt als Hexe; wer nicht gestand, wurde weiter gefoltert; wer Namen nannte, erzeugte neue Prozesse.
Auch Johann Weyer hatte bereits im 16. Jahrhundert dämonologische Interpretationen kritisiert und viele Beschuldigte eher als kranke oder getäuschte Menschen betrachtet. Solche Stimmen erinnern daran, dass historische Gesellschaften nie völlig einheitlich dachten.
Was man heute über „Hexen“ sagen kann – und was nicht
| Populäre Behauptung | Historisch sinnvollere Einordnung |
|---|---|
| Hexenjagden waren mittelalterlich. | Die intensivsten europäischen Verfolgungen gehören vor allem in die Frühe Neuzeit. |
| Die Inquisition führte fast alle Prozesse. | Weltliche Gerichte waren zentral; die Verfolgungsintensität hing stark vom jeweiligen Gerichtssystem ab. |
| Alle Opfer waren Frauen. | Frauen waren insgesamt mehrheitlich betroffen, regional gab es jedoch hohe Männeranteile und Ausnahmen. |
| Vor allem Hebammen wurden verfolgt. | Ein solches europaweites Opferprofil lässt sich aus der Forschung nicht ableiten. |
| Millionen Menschen starben. | Forschung geht von einer viel niedrigeren, aber weiterhin erschütternden Größenordnung von ungefähr 60.000 Hinrichtungen aus. |
| Volksmagie und Hexerei waren dasselbe. | Alltagsmagie, Schadenzauber und das gelehrte Konzept einer dämonischen Hexensekte müssen unterschieden werden. |
Die wichtigste Korrektur besteht deshalb nicht darin, einen Mythos durch eine andere einfache Geschichte zu ersetzen. Hexenverfolgungen waren kein einzelnes europäisches Ereignis mit einer Ursache. Sie waren viele regionale Verfolgungen, die sich aus unterschiedlichen Kombinationen von Volksglaube, gelehrter Dämonologie, sozialem Konflikt, Recht und Herrschaft entwickelten.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Quellen. Er zeigt nicht „die Hexe“, sondern Menschen, denen eine Gesellschaft eine gefährliche Identität zuschrieb – und Institutionen, die aus dieser Zuschreibung tödliche Wirklichkeit machen konnten.
Quellen und Literatur
Der Artikel folgt der neueren Hexenforschung und trennt Alltagsmagie, gelehrte Dämonologie und gerichtliche Verfolgung. Zahlen werden bewusst als Schätzungen behandelt, weil die Quellenlage regional unterschiedlich ist.
- Rita Voltmer / Franz Irsigler: Die europäischen Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit – Vorurteile, Faktoren und Bilanzen, Deutsches Historisches Museum.
- Deutsches Historisches Museum: Hexenwahn – Ängste der Neuzeit.
- Wolfgang Behringer: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit.
- Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Historisches Seminar: Hexenverfolgung und Verfolgungskritik in Mittelalter und Früher Neuzeit.
- Friedrich Spee: Cautio Criminalis, 1631.
- Brian P. Levack: The Witch-Hunt in Early Modern Europe. Routledge.




